Sind wir eine gerechte Gesellschaft? Da muss man jetzt aufpassen. Wie so oft hängt es an den Begriffen. Begriffe beeinflussen unser Denken. Wie definieren wir denn Gerechtigkeit? Wie definieren wir Wahrheit? Eine Diskussion über Gerechtigkeit, ohne eine exakte Begriffsdefinition, macht keinen Sinn. Erinnern sie sich, dass die Bedeutung der Begriffe Gerechtigkeit und Wahrheit sich ständig verändern. Noch vor 200 Jahren war es gerecht, Menschen gemäß ihres Standes zu behandeln. Ein Leibeigener wurde anders als ein Handwerker behandelt und der anders als ein Adeliger. Die zu Zeiten des Aristoteles produzierte Wahrheit besagte, dass der Besitz von Sklaven erlaubt ist und dass Menschen unterschiedlich viel wert sind. Gerechtigkeit einem Sklaven gegenüber bedeutete nicht, ihn als Gleichgestellten zu behandeln, sondern ihn gemäß seiner Stellung zu behandeln. Dazu gehörte auch das Auspeitschen als Bestrafung für ein Fehlverhalten. Die im Alten Testament dargestellte Wahrheit und Gerechtigkeit sah vor, dass Frauen Eigentum eines Mannes sind. Bis zu ihrer Heirat[1] ist sie Eigentum des Vaters. Wurde ein junges Mädchen vor der Ehe vergewaltigt, minderte das den Wert der Tochter, war quasi eine Sachbeschädigung, und der „Schaden“ war dem Vater angemessen auszugleichen. Deuteronomium 22,28-29: „Wenn ein Mann einem unberührten Mädchen, das noch nicht verlobt ist, begegnet, sie packt und sich mit ihr hinlegt und sie ertappt werden, soll der Mann, der bei ihr gelegen hat, dem Vater des Mädchens fünfzig Silberschekel zahlen und sie soll seine Frau werden, weil er sie sich gefügig gemacht hat. Er darf sie niemals entlassen.“

Bis weit in die Neuzeit hinein, gilt als wahr und gerecht, dass Menschen gemäß ihrer sozialen Stellung unterschiedlich zu behandeln sind. Die Wahrheitsproduktionen der Aufklärung und des Humanismus machen dann alle Menschen gleich. Aber ist es zum Beispiel gerecht, dass ein Arbeiter, der sein ganzes Leben lang gearbeitet hat und dabei vielleicht sogar gesundheitliche Schäden davongetragen hat, in seiner Pension ums wirtschaftliche Überleben kämpfen muss – während irgendein Manager der, um den Profit zu erhöhen, vielleicht tausende solcher Arbeiter entlassen hat, in seiner Pension in Luxus lebt? Ist es gerecht, dass eine Frau, die Teilzeit arbeitet, um ihre Familie zu versorgen und danach die kranken Eltern ihres Mannes pflegt, im Alter nach der Scheidung von einer „Mindestpension“ leben muss? Das hängt davon ab, wie Gerechtigkeit in einer Gesellschaft definiert wird.

Die Definition von Gerechtigkeit sagt viel über die gelebten Werte einer Gesellschaft aus. Definieren wir Gerechtigkeit im Sinne der Existenzweise des Habens, dann ist es gerecht, wenn einer, der mehr Profit erwirtschaftet hat, auch mehr besitzt. In einer Gesellschaft in der alles, auch die Mitmenschen, unter dem Aspekt der Wirtschaftlichkeit gesehen werden, ist es gerecht, dass der Manager mit Millionenprofiten[2] mehr verdient als der Arbeiter. Hat er aber auch mehr geleistet? Gute Frage – Wie definiert man Leistung? In der Existenzweise des Habens hat das sicher auch etwas mit Wirtschaftlichkeit und Profit zu tun.

Wie ist das aber in der Existenzweise des Seins? Wie werden da die Begriffe Gerechtigkeit und Leistung definiert? Da könnte es leicht sein, dass eine Frau, die Teilzeit arbeitet, ihre Familie versorgt und kranke Eltern pflegt, mehr leistet, als irgendeiner, der Millionengewinne macht. Und dann wäre es auch gerecht, dass sie eine gute Pension bekommt. Sie sehen schon, dass mit der Gerechtigkeit ist so eine Sache. Wenn wir Gerechtigkeit im Sinne der Existenzweise des Seins definieren, also im Sinne Jesu Christi, Meister Eckhart und Buddha, dann leben wir in einer ungerechten Gesellschaft. Da gibt es keine Zweifel. Wir glauben zwar, eine christliche Gesellschaft zu sein, leben aber nicht den christlichen Wert Gerechtigkeit. Wir sind im Herzen Heiden geblieben, leben heute noch unsere heidnischen Werte und huldigen dem heidnischen Helden.

Erich Fromm hat in seinem Buch „Haben und Sein“[3], die Existenzweise des „Habens“ mit dem heidnischen Helden, und die Denkweise des „Seins“ mit dem christlichen Helden verbunden. Der heidnische Held ist hochmütig, erobert, will siegen, macht Beute, vermehrt seinen Besitz, will herrschen, schlägt drein und nimmt sich, was er kriegen kann. Er liebt nur sich selbst und strebt nach Ruhm, Macht und weltlichen Erfolg. Er hält nicht die andere Wange hin, wenn er auf die eine Wange geschlagen wird und liebt auch nicht seine Feinde. Die Existenzweise des Habens wurzelt laut Erich Fromm in Privateigentum, Profit und Macht. Diese „Werte“ prägen das Denken und Handeln unserer Gesellschaft. Der Mensch wird über seinen Besitz definiert – ich bin, was ich besitze und konsumiere. Ich schließe andere von meinem Besitz aus und möchte meinen Besitz vermehren. Das führt zu Gewalt und Ausbeutung. Zwischen mir und meinem Besitz besteht keine lebendige Beziehung. Alles wird verdinglicht, auf ihren Wert oder Nutzen reduziert. Dabei wird der Mensch selbst zu einem Ding. Er wird zur Maschine, die möglichst effektiv sein soll. Der Mensch beginnt sich dem Rhythmus der Maschinen anzupassen und die Zeit beginnt den Menschen zu beherrschen. Haben orientierte Menschen beten tote Dinge an. Es gibt keine lebendige Beziehung, keine Wechselwirkung, zwischen ihnen und den Dingen, die sie besitzen (wollen).

Der christliche Held hingegen ist ein Held der Liebe, ein Märtyrer, einer der nicht Besitz anhäuft, einer der nicht herrschen und erobern will. Der christliche Held ist gerecht, demütig, teilt seinen Besitz und opfert sich für andere auf. Um die Existenzweise des Seins zu definieren, bezieht sich Erich Fromm auf die großen philosophischen und religiösen Denker der Menschheitsgeschichte wie Jesus, Meister Eckhart und Buddha. Die Existenzweise des Seins ist nicht durch Besitz, sondern durch produktive innere Tätigkeit gekennzeichnet. Der Mensch wird nicht mehr darüber definiert, was er hat, sondern was er ist. Er entwickelt seine Talente, wächst innerlich, ist achtsam, lebt im Augenblick, hört zu, interessiert sich, denkt nach und teilt. Er transzendiert das Gefängnis des eigenen, isolierten „Ichs“ und wird somit Teil einer Gemeinschaft. Sein Streben ist darauf gerichtet, die Welt zu erleben, nicht sie zu beherrschen oder zu besitzen. Das Lebendige triumphiert über das Tote. Der nicht mehr von seinen Besitztümern beherrschte Mensch ruht in sich selbst. Millionen Menschen können sich somit an der gleichen Sache erfreuen, da keiner sie beherrschen oder besitzen will. Dieses gemeinsame Erleben ermöglicht nicht nur das friedliche Zusammenleben der Menschen, es führt zu dem wohl tiefsten Ausdruck menschlichen Glücks – der mit anderen Menschen geteilten Freude.


[1] Nach der Heirat geht die Frau, mehr oder weniger, in das Eigentum ihres Mannes über.

[2] Auch Manager die Millionenverluste zu verantworten haben leben oftmals in Reichtum.

[3] Erich Fromm, „Haben und Sein – Die seelischen Grundlagen einer neuen Gesellschaft“, Oktober 1979, ungekürzte Ausgabe, Deutscher Taschenbuch Verlag.