Mit Geld kann man Äpfel und Birnen vergleichen. Geld macht alles zur Ware, reduziert alles auf seinen Wert, macht (fast) alles käuflich. Zuerst verdinglicht es die Waren – später auch die Menschen.
Sie suchen die Wurzeln der europäischen Kultur? Gott sei Dank hat der Autor in der Schule aufgepasst. Die Fundamente der abendländischen Kultur wurden von den Griechen gelegt. So steht es in seinem alten Geschichtsbuch. Sie erfanden die Naturwissenschaften, die Philosophie, die Geschichtsschreibung, die Olympischen Spiele und die Demokratie. Sie leisteten Pionierarbeit in der Medizin und das griechische Alphabet wurde Grundlage unseres lateinischen Alphabets. In der Mathematik erfanden sie den deduktiven Beweis[1] und formulierten mathematische Gesetze, wie den Satz des Pythagoras oder den Satz des Thales. Homers Heldenepen Ilias[2] und Odyssee[3] sind heute ebenso unvergessen, wie das griechische Theater und die griechische Götterwelt mit Göttervater Zeus und seinen Geschwistern Poseidon und Hades. Kurz und gut – ohne die Griechen wären wir heute nicht das, was wir sind. Unsere Kultur wurde auf den Scherben Griechenlands errichtet. Einen wesentlichen Bestandteil unserer heutigen Kultur – das Geld – erfanden sie nicht. Geld aber war eine, vielleicht sogar die treibende Kraft, für die Entwicklung der griechischen Kultur. Vereinfacht gesagt, ohne Geld keine griechische Kultur und damit auch keine abendländische Kultur, zumindest nicht so, wie wir sie heute kennen. Das sehen wir uns genauer an. Machen wir eine Zeitreise.
Wir befinden uns im sechsten Jahrhundert vor Christus. Krösus, der letzte lydische König, löst mit der Erfindung des Münzgeldes ein großes Problem der Handelsnation Lydien.[4] Bisher nutzten die Fernhändler Klumpen aus Kupfer, Silber und Gold, um Handel zu treiben. Die waren aber nicht genormt, das heißt jedes Stück musste einzeln gewogen werden und über seinen Reinheitsgehalt konnte man nur spekulieren. Geschäfte wurden dadurch umständlich und unsicher. Krösus lässt zum ersten Mal genormte Münzen mit einheitlichen Gewicht und Reinheitsgrad schlagen. Diese Münzen werden mit Stempel des Herrschers und einem Symbol, das ihren Wert anzeigt, versehen. Der Stempel des Krösus garantiert für Reinheit und Gewicht dieser Münze, also ihren Wert. Mit anderen Worten, der König selbst bürgt für den Wert der Münze und sollte es jemand wagen Münzen zu fälschen, wird der König mit all seiner Macht über ihn kommen. Das schafft Vertrauen in dieses neue Zahlungsmittel. Es wird Nachahmer finden und sich in Windeseile im Mittelmeerraum ausbreiten.
Die Erfindung einer unscheinbaren, kleine Münze soll die griechische Kultur und damit auch unsere abendländische Kultur maßgeblich beeinflusst haben? Kaum zu glauben. Um zu verstehen, müssen wir uns die politischen und sozialen Verhältnisse dieser Zeit ansehen. Das antike Griechenland wurde durch zwei große Einwanderungswellen besiedelt. Während der ersten Einwanderungswelle (2000 – 1000 v. Chr.) besiedelten die griechischen Stämme nach und nach das griechische Festland, die Ägäischen Inseln und die Westküste der heutigen Türkei. Das Zentrum des griechischen Lebens bildete die Polis – der Stadtstaat. Die bekanntesten waren Athen und Sparta. Die Polis bestand aus einer Stadt, meistens an der Küste, und dem Umland. Die Bauern der Umgebung versorgten die Stadt mit landwirtschaftlichen Produkten. Da die Bevölkerung schnell zunahm, das Land aber wenig fruchtbar war, wuchs die Bedeutung des Handwerks und des Handels. Vor allem der Fernhandel mit Kreta, Ägypten und Süditalien gelangte so zu großer Bedeutung. Das antike Griechenland war niemals eine geeinte Nation. Die Stadtstaaten waren politisch und wirtschaftlich selbstständig. Verbindende Elemente waren nur eine gemeinsame Kultur, Religion und Sprache. Kriege untereinander wurden häufig und aus unterschiedlichsten Gründen geführt. Oftmals wurden dazu Bündnisse mit anderen Stadtstaaten geschlossen. Diese Bündnisse wurden aber nur auf Grund kurzfristiger Interessen geschlossen und waren somit niemals von Dauer.
In einer zweiten großen Kolonialisierungswelle (ca. 800 – 600 v. Chr.) gründeten die griechischen Stadtstaaten zahlreiche Tochterstädte an den Küsten des Mittelmeeres und des Schwarzen Meeres. Die Hauptursachen dieser zweiten Welle dürften Überbevölkerung, Rohstofferwerb und strategische Gründe gewesen sein. Mit ihren Häfen und ihrer meist handelspolitisch günstigen Lage, entwickelten sich die Kolonien rasch zu bedeutenden Handelszentren. Außerdem wurde an den fruchtbaren Küsten Afrikas und des schwarzen Meeres großflächig Getreide angebaut, das dann nach Griechenland exportiert wurde. Da griechische Kleinbauern mit dem billigen Getreide aus den Kolonien nicht mithalten konnten, verarmten sie und die alte Gesellschaftsordnung kam ins Wanken.
Die meisten Stadtstaaten waren anfangs eine Monarchie (Alleinherrschaft). Ab dem achten Jahrhundert vor Christus vergrößerte sich der Einfluss des Adels. Immer öfters gelang es dem Adel, der die höchsten Staatsämter bekleidete, den König zu entmachten und eine Aristokratie (Herrschaft der Besten) zu errichten. Diese Regierungsform konnte zu der Willkürherrschaft einiger weniger Adeliger führen, der Oligarchie (Herrschaft der Wenigen). Gelang es einem einzelnen Aristokraten sich durch einen Umsturz die Macht allein zu sichern, nannte man ihn einen Tyrannen (Gewaltherrscher). Sozialer und wirtschaftlicher Wandel führte ab dem siebten vorchristlichen Jahrhundert oftmals zu einem schnellen Wechsel der Regierungsformen.
So lösten sich oft Aristokratie, Oligarchie und Tyrannenherrschaft ab. Der gesellschaftliche Wandel wirkte sich besonders auf drei Bevölkerungsgruppen aus: die Bauern, die Händler und die Handwerker. So verarmten die Bauern zusehends, da sie mit Billigimporten aus den Kolonien nicht mithalten konnten. Viele von ihnen gerieten mit ihren Familien in Schuldknechtschaft. Die Handwerker und Händler hingegen, wurden durch den aufblühenden Handel zusehends reicher und forderten politischen Einfluss. In Athen nutzte Peisistratos 561 v. Chr., die aufgeladene Stimmung für sich, machte sich zum Anführer der unzufriedenen Bauern und errichtete eine Tyrannis. Peisistratos, befreite die Bauern und führte eine Landreform durch. Diese beendet die adelige Grundherrschaft und macht aus hörigen Pächtern freie Bauern. Das schränkte die Macht des Adels deutlich ein. Die nunmehr freien Bauern hingegen forderten selbstbewusst Mitsprache in der Regierung. Als 508 v. Chr. die Tyrannis gewaltsam beendet wurde, gelang es dem Aristokraten Kleisthenes, eine Regierungsform zu bilden, bei der zum ersten Mal alle Bürger Athens Einfluss auf die Regierung nehmen konnten – die Demokratie. Ziel des Kleisthenes war es, die verschiedenen Interessen aller Bevölkerungsgruppen auszugleichen und somit sozialen Frieden zu schaffen. Er schaffte den Rat der fünfhundert in dem alle Bevölkerungsgruppen vertreten waren. Zum Schutz der Demokratie vor allzu mächtigen Bürgern führte er das Scherbengericht[5] ein. Diese erste „Herrschaft des Volkes“ kann man nur bedingt mit unserer heutigen Demokratie vergleichen, insbesondere weil weite Teile der Bevölkerung von der Mitsprache ausgeschlossen waren. So hatten Frauen, Bewohner Athens ohne Bürgerrecht und Sklaven kein Mitspracherecht.
Zurück zu den ersten Münzen des lydischen Königs Krösus. Das genormtes, im gesamten Mittelmeerraum anerkanntes Geld, den Handel wesentlich erleichtert ist verständlich. Man kann mit Geld Waren und Dienstleistungen bezahlen. Der große Vorteil: Geld macht alle Waren vergleichbar. Äpfel und Birnen kann man grundsätzlich nicht vergleichen aber mithilfe des Geldes kann ich es doch, nämlich über ihren Preis. Der Preis legt den Wert der Äpfel und der Birnen fest, und den kann ich jetzt mit Hilfe des Geldes festlegen. Äpfel und Birnen werden gedanklich abstrahiert, werden nur noch mit ihrem Geldwert wahrgenommen und damit vergleichbar. Geld dient aber auch zur leichteren Vermögensaufbewahrung. Ein Bauer kann zum Beispiel seinen Hof samt Vieh verkaufen. Die Goldmünzen, die er erhält, kann er vergraben, um sie sicher aufzubewahren. Wenn er möchte, zieht er in ein fremdes Land und kauft sich dort mit den Münzen einen neuen Hof. Geld ist also eine sehr praktische Erfindung. Aber Geld wirkt nicht nur in wirtschaftlichen Bereichen. Es bewirkt mehr, wesentlich mehr. Es wird in kurzer Zeit die gesellschaftliche Ordnung, die Moral und das Denken der Menschen verändern. Die Ursache dafür ist in der „Natur des Geldes“ zu finden.
Geld steht nicht nur für verschiedenste Waren und Dienstleistungen. Es wird zu einem abstrakten Symbol für diese Dinge. Das künstliche Konstrukt Geld repräsentiert alles, was käuflich ist. Dabei ist es selbst ohne jeden konkreten Wert. Der einzige Wert, dem es folgt: Viel Geld ist gut, wenig Geld ist schlecht. Es ist charakterlos, unterscheidet nicht zwischen Gut und Böse und nimmt keine Rücksicht auf soziale Normen oder das Wohl von Gemeinschaften. Geld macht alles zur Ware, reduziert alles auf seinen Wert, macht alles vergleichbar und käuflich. Geld hat etwas Geheimnisvolles, fast Mystisches. Es scheint irgendwie lebendig zu sein. Ständig sucht es nach Wegen sich zu vermehren, seinen Einfluss zu vergrößern.
Geld ist ein abstraktes Symbol. Was heißt das? Abstrakt bedeutet in der Alltagssprache: losgelöst von der Gegenständlichkeit, unanschaulich. Bei der abstrakten Malerei ist nicht der gemalte Gegenstand das Ziel der Darstellung. Der Maler will nicht das sinnlich Wahrgenommene darstellen, sondern den gedanklichen Gehalt davon. Er abstrahiert den Gegenstand. Die Einbildungskraft des Künstlers löst etwas vom gemalten Gegenstand heraus, etwas sinnlich nicht Wahrnehmbares. Beim Geld ist es ähnlich. Es abstrahiert Dinge, die man kauft. Das Ding an sich verliert seine Bedeutung, nur der abstrakte Geldwert bleibt über. Verliert zum Beispiel ein Kind seinen Ball, dann nimmt es den Ball wahr als seinen Ball, als sein Spielgerät. Es hat emotional eine Bindung dazu aufgebaut. Als der Vater vor Jahren den Ball gekauft hat, reduzierte er ihn auf seinen Preis, also seinen abstrakten Geldwert. Fast alles kann durch das Geld zur Ware gemacht werden. Wir haben es bereits bei der Massentierhaltung gesehen. Das Geld macht das Tier zur Ware. Der Profit ist der dominierende Faktor. Das Tier an sich ist ohne Bedeutung. Es fand eine Abstrahierung hin zu seinem Geldwert statt. Dieser ist losgelöst vom Tier. Der Begriff „abstrakt“ ist geklärt. Aber was ist ein Symbol? Von einem Symbol spricht man, wenn etwas nicht nur für sich selbst steht, sondern auch auf etwas anderes hinweist. So ist zum Beispiel eine weiße Taube ein Symbol für den Frieden. Die Taube ist nicht nur eine Taube, sie weist zusätzlich noch auf den Frieden hin. Sagt man also: „Geld ist ein Symbol“, dann ist es ähnlich wie bei der Taube. Geld als Symbol, steht nicht nur für sich selbst, sondern noch für etwas anderes – nämlich für Macht, Reichtum, Luxus, Sicherheit, Unabhängigkeit und Glück. Geld als abstraktes Symbol, nimmt allen Dingen die Gegenständlichkeit, reduziert alles auf seinen Wert. Außerdem repräsentiert es Dinge wie Macht, Reichtum und Glück. Damit ist auch die Aussage: „Viel Geld ist gut, wenig Geld ist schlecht“ erklärt, da Geld eben mit Dingen wie Macht, Reichtum und Glück assoziiert wird und alle Menschen möglichst viel davon haben wollen.
Ist Geld gut? Ist es böse? Ist es ein Segen oder ein Fluch? Hat es etwas Göttliches oder gar wie in Goethes Faust, etwas Teuflisches? Welche Aussage ist richtig? Ich muss etwas weiter ausholen. Kennen Sie den Film „Krieg der Sterne“? Die guten Jedi kämpfen gegen die bösen Sith – der tapfere Luke Skywalker gegen den dunklen Imperator. Beide beziehen ihre Kraft von der Macht. Die Macht ist ein mystisches Energiefeld. Es umgibt und durchdringt alles Lebendige. Es hält die Galaxis zusammen. Ich wiederhole: Sowohl die guten Jedi wie auch die bösen Sith beziehen ihre Stärke von der Macht. Ähnlich wie mit der Macht verhält es sich mit dem Geld. Es hat eine dunkle und auch eine helle Seite.
Wenden wir uns zuerst der dunklen Seite der Macht zu – Verzeihung! Ich wollte sagen – der dunklen Seite des Geldes zu. Obwohl die Griechen Ioniens[6], unmittelbare Nachbarn Lydiens waren, wirkte sich die Erfindung des Geldes anfangs nur gering auf die meisten Bewohner der Stadtstaaten aus. Die Händler erkannten zwar schnell die Vorteile der genormten Münzen und sorgten für deren rasche Verbreitung. Für die meisten Bürger hingegen änderte sich zunächst einmal wenig. Sie lebten in mehr oder weniger geschlossenen Hausgemeinschaften. Zum Haus gehörte oft ein Hof im Umland, der alles fürs Leben Notwendige lieferte. Sie waren in der Regel Selbstversorger. Fehlte etwas, tauschte man es mit seinen Nachbarn oder auf dem Markt. Tauschen heißt, man tauscht aus. Einer hat viel Getreide, aber zu wenig Oliven, der nächste hat viele Krüge Wein aber zu wenig Fleisch. Der Dritte hat ein Schwein geschlachtet und möchte sich etwas Wein gönnen. Man tauscht Dinge aus, um Mangel und Überfluss zu regulieren. Anfänglich hat Geld nur die Funktion, den Tausch zu erleichtern. Wie wir schon erfahren haben, macht Geld verschiedene Dinge vergleichbar. Ich kann den Wert von Getreide, Wein und Oliven über den Geldpreis gut vergleichen. Ich gehe mit ein paar Münzen zum Markt und komme mit einem Krug Wein nach Hause. Das ist bequem und sicher.
Doch langsam verändert sich das Denken der Menschen. Ganz allmählich und unbemerkt bilden sich neue Denkmuster heraus. Schlaue Menschen haben nämlich etwas erkannt: „Wenn ich klug bin, wenn ich genau kalkuliere, dann kann ich ein Geschäft machen. Ich kaufe Getreide nach der Ernte, wenn es billig ist, lagere es und verkaufe es, wenn im Winter der Preis gestiegen ist.“ Das heißt, nicht mehr der Tausch der Waren steht im Vordergrund, sondern Menschen wollen ein Geschäft machen, sie wollen das Geld vermehren. Das bedeutet einen tiefgreifenden moralischen Wandel mit sozialen Veränderungen. Bisher dienten Tausch, und unmittelbar nach Aufkommen des Geldes auch der Kauf von Waren, nur dem Ziel die Grundbedürfnisse des täglichen Lebens abzudecken. Gestern tauschte ich mit dem Nachbarn noch Getreide gegen Oliven. Heute aber möchte ich ein gutes Geschäft machen. Ich werde das Geschäft genau kalkulieren, werde beim Einkauf mit meinem Geschäftspartner hart um den Preis verhandeln und dann die Ware so teuer wie möglich verkaufen. Die Abstraktion, die sich bisher nur auf die Waren bezogen hat, erweitert sich auf die Mitbürger. Langsam wird auch der Mitmensch zur Ware, die man mittels Geld dann mit anderen Waren vergleichen kann. Der Nachbar, der im Winter Getreide von mir will, wird zum Geschäftspartner. Im Winter ist Getreide teuer, ich werde es ihm so teuer wie möglich verkaufen, schließlich muss ich auch von etwas leben.
Das Geld beginnt die Gemeinschaften zu wandeln, die Menschen zu entfremden. Die Bewohner eines armen Dorfes sind darauf angewiesen, sich gegenseitig zu helfen und zu unterstützen. Ohne Gemeinschaft ist das Überleben kaum möglich. Wird ein Dorfbewohner reich, ist er nicht mehr auf seine Mitbürger angewiesen. Er kauft sich einfach alles, was er braucht. Er baut sich eine Villa, umgibt sie mit einer Mauer und pfeift auf seine Nachbarn. Werden alle Dorfbewohner reich, bauen sich alle eine Villa und umgeben sie mit einer Mauer. Geld und Reichtum schwächen das soziale Miteinander in Gemeinschaften. Einsamkeit und Isolation sind die logische Folge. Aber auch die Moral[7], und damit die sozialen Verhältnisse in der Gesellschaft verändern sich.
Betrachtet man die Epen Homers, die Ilias und die Odyssee, dann liest man von Helden, die nach Ehre und Ruhm strebten. Soziale Anerkennung und das Ansehen, welches sie bei ihren Mitbürgern hatten, waren ihnen wichtig. Zwar strebten sie auch nach Besitz, nach Land und Vieh und einem großen Haus, aber diese Objekte der Begierde waren von anderer Natur wie Geld. Haus, Land und Vieh waren nur begrenzt nutzbar. Man kann nur in einem Haus wohnen, nur eine bestimmte Menge Vieh versorgen, nur ein Gewand tragen und sich nur einmal satt essen. Geld ist anders, es ist maßlos. Geld kann man nie genug haben. Geld symbolisiert Dinge wie Sicherheit, Glück, Macht und Reichtum. Je mehr ich davon habe, umso wohlhabender, glücklicher und mächtiger bin ich. Geld schreit förmlich danach, sich zu vermehren.
Welche Auswüchse die Erfindung des Geldes mit sich brachte kann man anhand des europäischen Sklavenhandels zwischen dem 15. und 19. Jahrhundert, dem sogenannten Dreieckshandel, sehen. Die europäischen Kolonien in Amerika brauchten dringend Arbeitskräfte. Die Ureinwohner Amerikas, durch Krankheiten und Verfolgung bereits stark dezimiert, eigneten sich nicht für die harte Arbeit auf den Tabak-, Zucker- und Baumwollplantagen oder den Gold- und Silberbergwerken. Sie waren diese Art von Arbeit nicht gewohnt und starben sprichwörtlich wie die Fliegen. Ersatz fand man an der Westküste Afrikas. Die Afrikaner waren körperlich robust und das Klima gewohnt. Auch ein funktionierender Sklavenmarkt, von arabischen und afrikanischen Händlern betrieben, existierte bereits. So begann nun der bekannt-berüchtigte Dreieckshandel zwischen Europa, Afrika und dem karibischen Raum. Schiffe mit Waffen, Alkohol, Tabak und anderen Handelsgütern fuhren von Europa an die Westküste Afrikas, tauschten diese Waren gegen Sklaven und brachten sie nach Amerika. Dort wurden sie gewinnbringend verkauft. Mit dem Erlös erwarb man Tabak, Baumwolle, Zucker und Edelmetalle. Diese brachte man dann nach Europa. Das ging immer so weiter, vier Jahrhunderte lang, bis im 19. Jahrhundert die Sklaverei verboten wurde. Das Elend der Sklaven lässt sich kaum beschreiben. Mehr als zehn Millionen Menschen wurden nach Amerika verschifft. Schätzungen zufolge starben bereits mehr als eine Million davon bei der Überfahrt. Um die Profite zu steigern, war es notwendig, die Sklaven in den Bäuchen der Schiffe wie Waren zu stapeln. Mehr Sklaven pro Schiffsladung bedeutete mehr Gewinn. Die hohen Verluste an Menschenleben bei der Überfahrt wurden bewusst einkalkuliert. Das Leben von Menschen wurde dem Diktat des Profits unterworfen. Der Mensch wurde verdinglicht, er wurde nicht mehr als Mensch, sondern nur noch als Ware wahrgenommen.
Es waren private Kapitalgesellschaften, keine staatlichen Institutionen, die den Dreieckshandel betrieben. Gesellschaften, die mit dem Ziel gegründet wurden, Geld anzulegen und zu vermehren. Ein biederer Familienvater kaufte sich Anteilscheine an einer dieser Gesellschaften und konnte sich über die jährlichen Gewinne freuen. Das Elend und Sterben nahm er nicht wahr. Die Bildung von Kapitalgesellschaften ist ein weiterer Schritt in Richtung Abstrahierung von Gütern und Menschen. Erwähnenswert in diesem Zusammenhang ist, dass Europa mit diesem Dreieckshandel Ressourcen und Kapital gewann, welches benötigt wurde, um die industrielle Revolution des 19. Jahrhunderts voranzutreiben. Macht und Wohlstand Europas wuchsen damals derart durch die Ausbeutung fremder Völker, dass es zu der weltweit dominierenden Kraft dieses Planeten[8] wurde. Die Afrika-Konferenz 1884 in Berlin, bei der die Europäer Afrika unter sich aufteilten, ist ein Beispiel dafür, dass man einen ganzen Kontinent „verdinglichen“ kann.
Afrika und die Afrikaner wurden reduziert, auf ihre wirtschaftlich und politische Nützlichkeit für Europa. Wir werden noch darauf eingehen. Wenn sie jetzt sagen: „Das waren ja schlimme Zeiten. Gott sei Dank werden Menschen heute nicht mehr wie Dinge betrachtet.“, sollten sie sich die Frage stellen: „Wie nehmen wir heute unsere Mitmenschen wahr?“ Was tun wir im Berufsleben, wenn die Chefetage eine Gewinnsteigerung erwartet? Natürlich werden auch heute noch Menschen verdinglicht, das heißt in diesem Fall nur als Kostenfaktoren betrachtet. Wenn es der Gewinnsteigerung dient, werden sie wegrationalisiert. Der einzelne Mensch wird dabei nicht als Mensch, als Individuum wahrgenommen, er wird verdinglicht und nur mehr als Mittel zum Zweck gesehen. Um das zu verschleiern, werden schöne Floskeln verwendet: „Um unseren Konzern zukunftsfit zu machen und den Standort zu sichern müssen wir leider soundso viele Mitarbeiter freisetzen.“ Schaut man genauer hin, sieht man heute überall die fortschreitende Verdinglichung der Menschen. Auch im privaten Bereich. Partnersuche im Internet zum Beispiel. Wie im Katalog sieht man sich die potenziellen Kandidaten an. Bewertet werden Aussehen, sozialer Status, Kleidung und sonstige äußerliche Merkmale. Der Mensch, in seiner Einzigartigkeit, der hinter diesen Äußerlichkeiten steht, wird kaum mehr wahrgenommen. Partner werden verdinglicht, werden zu Konsumgegenständen. Ich konsumiere ihn, aber sobald es nicht mehr passt, oder ich etwas Besseres finde, wird er oder sie ausgetauscht. Dieses „Ich muss ein gutes Geschäft machen“ durchdringt mittlerweile fast alle Bereiche unseres Lebens. Begonnen hat diese Entwicklung damals, vor 2600 Jahren mit der Erfindung des Königs Krösus. Vielleicht sollten wir darüber nachdenken, ob uns diese Entwicklung gut tut?
Wir haben die Effekte der dunklen Seite des Geldes gesehen und die sind enorm. Aber wo viel Licht ist, ist auch viel Schatten oder wie in unserem Fall, wo Schatten ist, gibt es auch Licht. Und dieses Licht, diese helle Seite des Geldes ist bedeutungsvoll, mächtig und in ihrer Bedeutung kaum zu fassen. Man kann davon ausgehen, dass es den demokratischen Rechtsstaat, die Naturwissenschaften, die Mathematik, die Philosophie, die Befreiung des Individuums aus patriarchalen und feudalen Strukturen – kurzum die moderne liberale Gesellschaft, wie wir sie heute kennen, nicht, oder zumindest nicht in dieser Form, ohne die Erfindung des Geldes geben würde. Ebenfalls nicht unterschätzen darf man den großen Einfluss des Geldes auf die griechische Philosophie und damit auf das junge Christentum.
Um zu verstehen, müssen wir uns mit dem Alltagsleben der Menschen vor Erfindung des Münzgeldes, dem „Archaischen Zeitalter[9]“ beschäftigen. Diese Zeit war geprägt von der griechischen Polis (Stadtstaat), dem Bevölkerungswachstum, der Gründung neuer Kolonien, der Entwicklung des Fernhandels sowie der Entstehung des griechischen Alphabets[10]. Despotische[11] Herrscher regierten das Land und strebten nach Ehre, Ruhm und Beute. Ein Rechtssystem, wie wir es heute kennen, gab es nicht. Die lokalen Herrscher herrschten willkürlich. Bestenfalls so etwas wie „Gewohnheitsrecht“ vermochte die Menschen vor der Machtgier und Brutalität der Mächtigen zu schützen. Die Lebenswelt der Menschen wurde bestimmt durch Mythen, die man in dieser Zeit begann aufzuschreiben. Vor allem Hesiod, ein ca. um 700 v. Chr. als Ackerbauer lebender Dichter, erklärte den Menschen in seinen Werken die damalige Welt. Er erklärte, wie die Welt und die Götter entstanden, warum Unheil über die Menschen kam (Büchse der Pandora[12]) und wer die Blitze schickt. Er schuf eine Anleitung für bäuerliches Arbeiten und betonte den Wert des Bauernstandes. In diese Welt wurde nun das Geld geworfen, ähnlich wie die Büchse der Pandora. Es war nicht der Göttervater Zeus, wir wissen es war König Krösus, und vermutlich deshalb trägt das Geld nicht nur Übel, sondern auch zahlreiche Segnungen für den Menschen in sich.
Wie auch immer, das Geld schlägt ein wie eine Bombe und wirbelt das Leben der Menschen durcheinander. Das erste Opfer ist die Aristokratie. Die Geldwirtschaft verändert rasant das soziale Gefüge. Erfolgreiche Händler und Handwerker, mit Truhen voller Geld, streben nach Macht und Einfluss. Der Adel, durch Landreformen und Bauernbefreiung bereits geschwächt, wird gezwungen die Macht zu teilen. Die jetzt freien und selbstbewussten Bauern wollen ebenfalls gehört werden. Die verschiedenen Interessen der einzelnen Bevölkerungsgruppen führen immer wieder zu gewalttätigen Unruhen und Aufständen. Es ist Kleisthenes, der einen Interessensausgleich aller Gruppen zustande bringt und zwar durch die Einführung der Demokratie. Es ist die neue Philosophie des Geldes, das neue Denken, dass mit dem Geld verbunden ist, die ihn eine Lösung finden lässt. Dieses neue Denken kann man mit der Formel „Wenn…, dann…“[13] zum Ausdruck bringen.
Beispiele gefällig? Wenn ich Wein billig einkaufe, dann kann ich mehr davon trinken. Wenn meine Ware frischer als beim Konkurrenten ist, dann kaufen die Menschen bei mir. Wenn ich ein zweites Geschäft eröffne, dann mache ich mehr Umsatz und kann mir ein größeres Haus kaufen. Dieses kaufmännische Denken dringt mit dem Geld in alle Lebensbereiche ein. Auch Kleisthenes beginnt auf diese Weise zu denken. Wenn ich die Interessen aller Bevölkerungsgruppen ausgleiche, dann hören die Unruhen auf, und in Athen herrscht Frieden. Kleisthenes brach mit den alten Traditionen. Er ersetzte die althergebrachte Ordnung durch einen Interessenausgleich aller Bevölkerungsgruppen. Dieser Interessenausgleich brachte den Bürgern Gerechtigkeit. Eine Gerechtigkeit, die auf von Menschen geschaffenen Regeln und Gesetzen beruht. Dike, die Göttin der Gerechtigkeit, wird nicht länger benötigt. Das Recht wird in Zukunft darüber entscheiden, was richtig und erlaubt ist. Die Einführung der Demokratie, mit der damit verbundenen Einführung von für alle verbindlichen Regeln und Gesetzen, brachte den Bürgern Rechtssicherheit. Ein Meilenstein in der Geschichte der Menschheit. Jeder Bürger konnte ab diesem Zeitpunkt sein Recht einfordern, zum Beispiel sein Recht auf Redefreiheit. Recht entsteht aber nicht nur durch Gesetze. Menschen können jetzt auch Verträge unterzeichnen – das Zivilrecht entsteht.
Was heute selbstverständlich scheint, war damals revolutionär. Im archaischen Zeitalter brachten Menschen den Göttern Opfer dar, oder lasen Hesiod, wenn es galt Probleme zu lösen oder Streitigkeiten zu schlichten. Jetzt aber beginnen die Griechen über das Denken nachzudenken und sich von überlieferten Wissen und Mythologie zu befreien. Sie beobachten die Natur und leiten aus diesen Beobachtungen Gesetzmäßigkeiten ab. Eine in diesem Zusammenhang oft verwendete Redensart heißt: Vom Mythos zum Logos[14]. Der Logos tritt neben den Mythos, er ersetzt ihn aber nicht. Der Mythos bleibt bis auf wenige Ausnahmen bestehen, wird aber von der Sinnenwelt ins Transzendente[15] verlagert. Die allgegenwärtigen Götter wandern von der Erde in den Olymp oder in den Himmel. Die dazu verwendeten Werkzeuge der Menschen sind Vernunft und Logik. Das neue Denken verändert die griechische Welt nicht nur politisch. Das Beobachten der Natur, und die Suche nach den ewigen Gesetzen der sie unterliegt, bereitet den Weg zu mathematischen, naturwissenschaftlichen und philosophischen Denken. In ihren Anfängen waren alle drei Disziplinen unter dem Begriff Philosophie[16] vereint und durchdrangen sich gegenseitig. Die Naturwissenschaften und die Mathematik lösen sich erst viel später und in einem fließenden Prozess von der Philosophie. Die ersten Philosophen waren Mathematiker, Astronomen, Mediziner, Ingenieure und Philosophen in einem.
Warum es gerade die ionischen Griechen waren, die diese Entwicklung vorantrieben, kann man nur vermuten. Eine der Ursachen ist sicherlich in der Tatsache zu finden, dass Geld in Handelsnationen eine wichtige Stellung einnimmt und sich damit das neue Denken besonders rasch ausbreitet. Die ionischen Städte lagen außerdem im Schnittpunkt alter Kulturen, wie Ägypten und Babylon. Sie trieben Handel mit ihnen und kamen mit deren alten Wissen in Bereichen wie Astronomie, Mathematik, Medizin in Kontakt. Ein weiterer wichtiger Punkt dürfte die religiöse Toleranz der Griechen gewesen sein. Jede der einzelnen Stadtstaaten legte die Religion auf eine andere Art und Weise aus. Eine starke Priesterschaft, die eifersüchtig ihre alten Werte bewahren wollte und vorgab wie die Menschen zu denken hatten, konnte sich deshalb nicht entwickeln. Wie auch immer, die Anfänge der europäischen Philosophie wurzeln in den griechischen Stadtstaaten Ioniens, an der Westküste der heutigen Türkei.
[1] Deduktiv – eine allgemeine Aussage wird durch das Ziehen logischer Schlüsse bewiesen.
[2] Die Ilias schildert die Eroberung Trojas durch die Griechen.
[3] Die Odyssee berichtet von der abenteuerlichen Irrfahrt des Odysseus nach der Eroberung Trojas.
[4] Lydien lag im Westen der heutigen Türkei und wurde ca. 545 v. Chr. von den Persern erobert.
[5] Die Volksversammlung, eine Versammlung aller Bürger Athens mit Bürgerrecht, konnte zu mächtig gewordene Männer aus Athen verbannen. Stimmten 6000 Bürger für Verbannung, indem sie den Namen auf eine Tonscherbe schrieben, musste dieser Athen für zehn Jahre verlassen.
[6] Das Siedlungsgebiet der Griechen an der Westküste der heutigen Türkei. Der Küste vorgelagert sind die Ionischen Inseln.
[7] Moral ist die Gesamtheit der Werte, Regeln und Normen, die in einer Gesellschaft allgemein anerkannt werden und das Zusammenleben dieser Gesellschaft bestimmen.
[8] Wir erleben gerade einen epochalen Wandel, Der Westen, der jahrhundertelang diesen Planeten beherrschte, wird gezwungen seine Macht mit anderen Völkern zu teilen.
[9] Archaisch bedeutet altertümlich oder urgeschichtlich, die archaische Zeit Griechenland umfasst den Zeitraum zwischen 800 und 500 v. Christus und endet mit der griechischen Klassik (Sokrates, Platon, Aristoteles).
[10] Das Alphabet übernahmen die Griechen von den Phönikiern und entwickelten es weiter zum griechischen Alphabet. Aus diesem entwickelte sich unser heutiges Alphabet.
[11] Ein Despot ist ein Gewaltherrscher mit unumschränkter Macht.
[12] Weil Göttervater Zeus sich an den Menschen rächen will, lässt er den Schmid Hephaistos eine wunderschöne Frau namens Pandora erschaffen. Er gibt ihr eine Büchse, in der alle Übel der Welt sind. Pandora bringt diese Büchse auf die Erde.
[13] Auf diesem „Wenn…, dann…“ beruht das Grundkonzept der Kausalität.
[14] Das altgriechische Wort Logos wird vielseitig interpretiert: z. B. „Wort“, „Rede“, „Weltvernunft“, „Recht“, „Gesetz“ usw.
[15] Transzendent: jenseits der Erfahrung; mit den Sinnen nicht wahrnehmbar; übersinnlich, übernatürlich.
[16] altgriechisch „philia“ (Liebe) und „sophia“ (Weisheit) – Liebe zur Weisheit