Glück hat eine starke subjektive Komponente. Wir stehen permanent im Wettstreit mit anderen, das heißt wir vergleichen uns ständig mit anderen. Bekomme ich eine Bonuszahlung vom Chef, macht mich das zufrieden. Bekommt aber mein Kollege einen doppelt so hohen Bonus, bin ich unglücklich. Das hängt damit zusammen, dass wir nicht in absoluten Größen denken, sondern ständig vergleichen. Schneide ich beim Vergleich schlecht ab, bin ich unglücklich. Dazu passt eine Aussage von Erich Fromm: „Glück ist kein Geschenk der Götter, sondern die Frucht innerer Einstellung“. Auch folgende Aussage geht in diese Richtung: „Nicht der Glückliche ist dankbar, sondern der Dankbare ist glücklich“. Glück hat demnach weniger damit zu tun welche Ereignisse eintreten, sondern vielmehr wie ich Stellung zu diesen Ereignissen beziehe. So ist ein dankbarer, bescheidener Mensch glücklich über ein Geschenk, welches für einen undankbaren, gierigen Menschen, nur den Wunsch nach mehr weckt. Für Viktor Frankl braucht der Mensch einen Grund zum Glücklichsein. Für ihn ist Glück eine Wirkung von etwas anderem. Es darf deshalb nicht direkt angepeilt werden. Genau wie beim Lachen, das auch eine Wirkung von etwas anderem ist. Wenn sie lachen wollen, muss ihnen irgendwer einen Witz erzählen. Das Lachen ist die Wirkung des Witzes. Wenn sie das Lachen auf direkten Weg ansteuern werden sie scheitern. Genauso werden sie scheitern, wenn sie das Glück direkt ansteuern. Laut Frankl wird der Mensch nur dann glücklich, wenn er einen Grund zum Glücklichsein hat. Den hat er, wenn er sein Leben auf etwas anderes richtet, als auf sich selbst. Das kann eine Tat, ein Werk, ein anderer Mensch sein. Erfüllung durch Taten oder Werke und Begegnung mit Menschen geben dem Menschen Sinn. Damit hat der Mensch Grund zum Glücklichsein und wird glücklich. Glück ist somit, laut Frankl, die Wirkung eines sinnhaften Lebens – „die Nebenwirkung erfüllten Sinns und begegnenden Seins“.
„Wer dem Glück nachjagt, der verjagt es“, ist Frankls Devise. Er verweist dabei auf Kierkegaard, der meinte, die Tür zum Glück gehe nach außen auf – wer sie einzurennen versucht, dem verschließt sie sich nur noch fester. Was meint Kierkegaard damit? Wer den direkten Weg zum Glück wählt, wer nur das eigene Wohlergehen, das eigene Glück vor Augen hat, dem verschließt sich das Glück – wie eine Türe eben, die nach außen aufgeht und die ich von außen einzurennen versuche. Will man durch die Tür des Glücks treten, muss man innehalten, einen Schritt zur Seite tun. Dann lässt sich die Türe leicht öffnen. Heute leben wir in einer Zeit, in der es Mode geworden ist, das Glück direkt anzustreben. Wir leben in einer Zeit, wo die Menschen vergessen haben, dass Glück die Wirkung von etwas ist. Glück hat sehr viel mit Aktivität zu tun, mit Aktivität, die nicht unmittelbar auf das eigene Wohlergehen gerichtet ist. Glück kann die Wirkung einer guten Tat, der Liebe zu einem Menschen oder eines vollbrachten Werkes sein. Zusätzlich lassen sich Sinn und Glück, meiner Meinung nach, auch in einem Naturerlebnis, in Wechselwirkung mit einem Kunstwerk und in der Musik, finden.
Das Motto: „Es gibt kein größeres Glück als abends auf einem selbstgezimmerten Stuhl auszuruhen“ scheint jedoch zunehmend in Vergessenheit zu geraten. Für Rabindranath Thakur[1] hat Glück auch viel mit Aktivität zu tun: „Ich schlief und träumte, das Leben sei Freude. Ich erwachte und sah, das Leben war Pflicht. Ich handelte, und siehe, die Pflicht war Freude.“
[1] Rabindranath Thakur (1861-1941) war ein indischer Dichter und Philosoph. Er erhielt als erster Asiate einen Nobelpreis. 1913 wurde ihm der Nobelpreis für Literatur verliehen.