Durch die kognitive Revolution (vor 70 000 Jahren) verbessern sich die kognitiven Fähigkeiten des Menschen (Denken, Wahrnehmen, Sprache, Erinnern usw.) in kurzer Zeit wesentlich. Erst durch diese Revolution nimmt sich der Mensch als eigenständiges Individuum wahr. Das menschliche Bewusstsein entsteht und trennt den Menschen vom Tier. Er tritt aus der Natur heraus, tritt als Subjekt dem Objekt Natur gegenüber. Der Mensch erkennt sein „Ich-Sein“. Das neue Bewusstsein, dieses „Ich bin hier“ und „die Natur steht dort“ kennt nur der Mensch. Das Bewusstsein mit der dazugehörenden Intelligenz ermöglicht es dem Individuum, sich neuen Realitäten schnell und möglichst risikoarm anzupassen. Das ist besonders wichtig in unbekannten Lebenssituationen. Bisher sagten dem Menschen seine Instinkte und Erfahrungen, wie er sich in gewissen Situationen zu verhalten hat. Doch werden die Instinkte veränderten Rahmenbedingungen im Leben des Individuums nicht gerecht. Sie können sich nur im Zuge einer biologischen Evolution über Jahrtausende, langsam an die neuen Gegebenheiten anpassen. Wenn sich zum Beispiel das Klima ändert und eine Eiszeit anbricht, wird eine Menschengruppe, die darauf wartet, dass die biologische Evolution ihnen ein Fell wachsen lässt, nicht lange überleben. Eine andere Gruppe, die diese Gefahr bewusst wahrnimmt, kann die neue Situation analysieren, sich austauschen und sich Gedanken über die bestmögliche Lösung machen. So kann diese Gruppe entscheiden, ob sie in eine wärmere Gegend ziehen will oder ob sie sich lieber eine Unterkunft bauen und Kleidung anfertigen soll. Das Bewusstsein ermöglicht es dem Menschen verschiedene Handlungsmöglichkeiten in Gedanken risikolos durchzuspielen und die beste auszuwählen. Der Mensch beginnt zu denken, bevor er handelt.
Dieses „Ich-Sein“ setzt der Mensch in Beziehung zu allem, was ihn umgibt: den Pflanzen, den Tieren und natürlich auch zu anderen Menschen. Das Bewusstsein ermöglicht es dem Menschen sich besser in einer Gruppe zurechtzufinden und komplexe soziale Beziehungen zu entwickeln. Wer in der Gruppe ist mir zugetan, wer mag mich nicht, wer ist mit wem im Streit, mit welchen Gruppenmitgliedern kann ich besonders gut zusammenarbeiten? Bewusstsein erleichtert es uns aber auch, durch Beobachtung, den Charakter anderer Gruppenmitglieder besser einzuschätzen. Wer ist hilfsbereit, wer teilt seine Nahrung, auf wen kann ich mich verlassen? Menschen nehmen nun bewusst war, welche Auswirkungen das eigene Verhalten auf andere Menschen und deren Verhalten hat. Mit der kognitiven Revolution entwickeln sich die geistigen Fähigkeiten der Menschen derart, dass er in der Lage ist sich vollkommen in die Situation anderer Menschen hineinzuversetzen.
Wir können die Gründe für das Verhalten der anderen Gruppenmitglieder nachvollziehen und damit zumindest teilweise vorhersagen. Wir spiegeln uns in unseren Mitmenschen, indem diese unser Verhalten beurteilen. Je nach Beurteilung verändern wir unser Verhalten den Mitmenschen gegenüber. Wir lernen, was zu tun ist, um positiv bewertet zu werden. Verhalte ich mich unfair, erfolgt umgehend eine negative Reaktion. Das möchte ich vermeiden, da ich auf die Gruppe angewiesen bin. Allein kann ich nicht überleben. Moralisches Verhalten ist gut für mich und wird mit einer guten Bewertung belohnt. Darüber freue ich mich. Genauso wie ich mich freue, wenn jemand gerecht und freundlich zu mir ist. Diese Freude ist die Ursache dafür, dass Werte, wie Großzügigkeit, Gerechtigkeit und Freundlichkeit sich zu positiv besetzten Eigenschaften entwickeln. Eigennützigkeit, Ungerechtigkeit und Unfreundlichkeit, rufen negative Gefühle in Menschen hervor und werden deshalb negativ bewertet. Unsere moralischen Grundwerte wurzeln in dieser Zeit.
Diese Grundstrukturen von Moral werden im Laufe der Generationen weitervererbt und sind bei allen Völkern gleich. Das erklärt auch, warum alle Völker und Kulturen positiv besetzte Werte besitzen. Diese moralische Grundausstattung des Menschen wird allerdings kulturell überformt. Das heißt, Moral passt sich der sozialen Umgebung an. Machen wir mit moralischen Verhalten schlechte Erfahrungen, verändern wir es. Nach dem Motto: „Besser, ich bin der Böse, als der Dumme“. Das heißt, alle Menschen haben die gleiche vererbte, moralische Grundausstattung. Diese wird aber unterschiedlich von kulturellen und sozialen Einflüssen überformt. Moral ist somit nur teilweise angeboren und bedarf einer ständigen Nachjustierung. Diese Nachjustierung erfolgt auf der Gefühlsebene. Der Verstand ordnet und sortiert die Situation, aber die moralische Wertung ist eine Gefühlsentscheidung. Verstand und Gefühl arbeiten bei moralischen Fragen zusammen.
Wenn wir zum Beispiel von einem Diebstahl hören, sagt uns der Verstand, der Dieb muss laut Gesetz bestraft werden. Wenn sich herausstellt, dass der Dieb ein „Nichtsnutz“ ist, der arme Leute bestohlen hat, kommen die ersten Emotionen ins Spiel. Sollte sich aber herausstellen, dass eine Mutter gestohlen hat, um ihre hungrigen Kinder zu versorgen, dann werden wir von unseren Gefühlen in eine ganz andere Richtung getrieben.
Es sind die Gefühle, die uns durchs Leben führen. Es sind Gefühle, die dem Verstand die Richtung vorgeben. Es sind Gefühle, die handlungsmotivierend sind, die uns antreiben, uns zu Höchstleistungen motivieren. Werte und Moral wurzeln in den Gefühlen, weil der Verstand keine Werte erkennen kann und uns auch nicht zu Handlungen drängt. Emotionale Reaktionen der Menschen auf bestimmte Ereignisse sind die Wurzel unserer Werte und Handlungen. Wenn ich von einer guten Sache überzeugt bin, wenn ich einen geliebten Menschen retten will, dann bin ich bereit, alles zu geben, vielleicht sogar mein Leben – weil ich es in mir fühle. Keine Vernunft der Welt ist dazu in der Lage. Mit der Moral kommt eine neue Komponente ins Spiel. Zum „Ich will, Ich kann“, kommt jetzt das „Was soll ich tun?“– die Basis jeder Moral. Das heißt: Moral wurzelt nicht in Vernunft oder Logik. Das Interesse an den Mitmenschen und das Bestreben, dass es ihnen gut ergehen soll, lässt sich nicht mit Logik erklären. Wenn ich sage: „Bevor ich einen kleinen Finger verliere, sollen lieber zehn andere eine ganze Hand verlieren“, widerspricht das nicht der Vernunft, ist aber unmoralisch.