Das Streben nach Sinn ist im Menschen tief verwurzelt. Finden Menschen keinen Sinn im Gemeinwesen, reagieren sie unterschiedlich darauf. Einige schließen sich radikalen Gruppen an und suchen dort nach Sinn. Andere hingegen reagieren mit Konsum, Arbeit und Spaß auf die Sinnlosigkeit ihres Lebens. Will man einen anderen Weg gehen, muss man sich der Frage stellen: Was ist der Sinn in meinem Leben? Da muss man vorsichtig sein. Grundsätzlich sollte man, bevor man Fragen beantwortet, sich selbst folgende Frage stellen. Ist in der Frage etwas verborgen? Vielleicht eine Meinung, die ich stillschweigend akzeptiere, wenn ich beginne die Frage zu beantworten. In diesem Fall ist in der Frage die Auffassung verpackt, dass es einen Sinn des Lebens gibt. Da ich diese Auffassung teile, kann ich getrost mit der Beantwortung der Frage beginnen. Da fällt mir eine andere Frage in diesem Zusammenhang ein: Was ist der beste Zug im Schach? In dieser Frage steckt auch etwas drinnen, nämlich die Dummheit des Fragestellers.

Selbstverständlich gibt es im Schach keinen besten Zug. Der beste Zug richtet sich immer nach der Situation, ist abhängig von der Stellung der Figuren. Um ihn zu finden, müssen jedoch einige grundsätzliche Dinge vorhanden sein. Beim Schach sind das ein gutes Gedächtnis[1] und die Gabe logisch zu denken. So ähnlich verhält es sich auch mit dem Sinn des Lebens. Es gibt da kein dickes Buch, irgendwo verborgen in einem geheimen Raum, in dem die große Frage nach dem Sinn des Lebens beantwortet wird. Wie es mir gelingt, meinem Leben Sinn zu geben, hängt von mir, von meiner persönlichen Lebenssituation ab. Trotzdem gibt es da, wie bei der Frage nach dem besten Zug im Schach, auch etwas Allgemeines und Grundsätzliches, das es zu beachten gibt. Was das ist, das wollen wir jetzt herausfinden. Machen wir uns auf die Suche nach dem Sinn des Lebens. Ein kleines bisschen müssen wir allerdings aufpassen. Irgendwie ist es doch meine höchst persönliche Suche nach dem Sinn des Lebens. Irgendwie habe ich mir doch nur meinen Sinn des Lebens zusammengebastelt. Aber trotzdem, das Allgemeine und Grundsätzliche, das für jeden Gültigkeit besitzt, der sich auf die Suche macht, das versuchen wir herauszuarbeiten.

Legen wir los. Zuerst brauchen wir ein Fundament. Da wir Unbekanntes nur mit Bekannten erklären können, benötigen wir bereits bekanntes Wissen. Auf dem bauen wir auf. Dieses Fundament liefern mir persönlich, der griechische Philosoph Heraklit, der christliche Kardinal Nikolaus von Kues (Cusanus), der deutsche Philosoph Arthur Schopenhauer, der schottische Aufklärer David Hume und Siddharta Gautama, besser bekannt als Buddha.

Was ist der Sinn meines Lebens? Womit fangen wir an? Vielleicht versuchen wir zuerst die Frage zu beantworten: Wer ist das, der da nach dem Sinn des Lebens fragt? Wer bin ich? Bin ich Geist – besitze ich eine Seele? Bin ich Materie – also nur eine Ansammlung von Atomen und Molekülen? Geht es nach der Kirche, bin ich irgendwie beides. Eine unvergängliche Seele ist an einen sterblichen Körper gebunden. Diese Seele ist unsterblich und Träger meiner Persönlichkeit. Nach dem Absterben des Körpers macht sich die Seele auf den Weg, in die Höhen des Himmels oder in die Tiefen der Hölle. Das kann man glauben, oder auch nicht. Da fällt mir eine Aussage von David Hume ein: „Irrtümer in der Religion sind gefährlich, Irrtümer in der Philosophie sind lediglich lächerlich.“

David Hume hat eine eigenen Meinung zum „Ich“. Er leugnet schlicht und einfach die Existenz des „Ich“. Hume sagt damit, dass es den Fragesteller, nach dem Sinn des Lebens, gar nicht gibt. Das „Ich“ ist laut Hume nur eine Illusion. Für Hume ist das mit dem „Ich“ ungefähr so, wie mit Raum und Zeit. Beide haben keine Anschauung, sind sinnlich nicht wahrnehmbar. Weder Raum noch Zeit können, ohne ein Nebeneinander von Dingen, ohne ein Nacheinander von Ereignissen, nicht wahrgenommen werden. Damit kommt es zu einer Phänomenalisierung von Raum und Zeit. Wir können nur die Phänomene von Raum und Zeit wahrnehmen.[2] Für Hume verhält sich die Sache mit dem „Ich“ sehr ähnlich. Auch hier kommt es zu einer Phänomenalisierung.

Das „Ich“ ist niemals ohne eine Perzeption anzutreffen. Perzeptionen sind die Inhalte unseres Bewusstseins, also alles in unserem Geist Gegenwärtige. Diese Perzeptionen werden von äußeren und inneren Eindrücken gespeist. Sinneseindrücke (ich höre, sehe, rieche etwas) ergeben die äußern Eindrücke. Emotionen und Gefühle (ich ärgere oder freue mich) ergeben die inneren Eindrücke. Von diesen unmittelbar erlebten Eindrücken leiten sich die Vorstellungen ab. Vorstellungen der Erinnerung entstehen, weil wir uns an einen inneren oder äußeren Eindruck erinnern. Vorstellungen der Fantasie entstehen wenn wir erlebte Erfahrungen neu anordnen oder verbinden. Ein Beispiel sagt mehr als 1000 Worte. Äußerer Eindruck: Ich sehe ein Pferd; innerer Eindruck: ich freue mich ein Pferd zu sehen; Vorstellung der Erinnerung: Ich erinnere mich ein Pferd gesehen zu haben; Vorstellung der Fantasie: Ich verknüpfe den Eindruck Pferd mit einem anderen Eindruck (Vogel, den ich gesehen habe) und mache daraus ein geflügeltes Pferd. Diese vier Arten von Perzeptionen ergeben alles in unserem Geist Gegenwärtige. Äußere Erfahrung, innere Erfahrung, Gedächtnis und Fantasie bilden unseren Geist. Die unentwegte Aneinanderreihung dieser Perzeptionen bildet unser Bewusstsein.

Niemals treffe ich mich, also mein „Ich“ ohne Perzeption an. Versuchen sie es einmal. Es wird ihnen nicht gelingen ihr „Ich“ ohne irgendeinen Sinneseindruck, Emotion, Erinnerung oder sonst einen Gedanken anzutreffen. Das ist nicht möglich, weil eben das „Ich“ nichts weiter ist als eine endlose Aneinanderreihung von Perzeptionen. Demnach gibt es kein „Ich“. Es gibt nur einen Erlebnisstrom, der mit der Außenwelt und sich selbst ständig wechselwirkt. Das kann man mit einem Theaterstück vergleichen. Unsere Perzeptionen betreten wie Schauspieler nacheinander die Bühne, wechselwirken miteinander, indem sie das Stück spielen. Wie Schauspieler die Handlung des Theaterstücks vorantreiben, treiben die Perzeptionen unser Leben voran. Ich sage Theaterstück, meine also die Handlung des Stücks und nicht das materielle Theater oder die Bühne. Ich meine die Software, nicht die Hardware. Das Geistige, nicht das Materielle. Hören die Schauspieler auf zu spielen, ist das Stück beendet – das Bewusstsein, der Geist erlischt – das „Ich“ hört auf zu existieren. Die Bühne und das Theater sind noch da, genauso wie nach dem Auslöschen des „Ich“ der Körper des Menschen noch da ist. Das Materielle, die Atome und Moleküle sind noch da. Das Leben ist aber erloschen. Somit ist unser Leben vergleichbar mit der Aufführung eines Theaterstücks. Oder mit der Musik eines Orchesters. Solange das Orchester spielt ist sie vorhanden. Hören die Instrumente zu spielen auf, erlischt die Musik – das Leben. Übrig bleiben die Instrumente. Das Geistige erlischt – das Materielle bleibt. Irgendwann wird ein neues Theaterstück aufgeführt, irgendwann spielen die Instrumente wieder – neues Leben wird sich seiner selbst bewusst.

Für Hume hat Bewusstsein also sehr viel mit Wahrnehmung zu tun. Alles außerhalb unseres Bewusstseins ist für den Menschen nicht zugänglich. Unser Gehirn erzeugt mittels Bewusstsein unsere Welt. Wir haben keinen direkten Zugang zur Realität – zu der Welt außerhalb unseres Bewusstseins. Der Mensch ist Gefangener seines Bewusstseins. Erinnern Sie sich, dass unser Gehirn im Schädel eingesperrt ist, und dass nur unsere begrenzten Sinne dem Gehirn Informationen über die Welt liefern, wir somit nur einen Ausschnitt der uns umgebenden Welt wahrnehmen. Aus diesen, von den eingeschränkten Sinnen gelieferten Bausteinen, erzeugt dann das Gehirn unser Bewusstsein, unseren Geist – unsere Welt. Dass diese, vom Gehirn auf Basis unvollständiger Sinnesdaten gelieferte Welt, nicht der realen Welt entspricht, liegt auf der Hand. Damit unser Gehirn aus der Flut der Sinnesdaten ein Bild der Außenwelt erzeugen kann, braucht es laut Kant, Hilfskonstruktionen wie Raum und Zeit und spezifische Denkmuster (Kategorien). Unser Gehirn erzeugt damit ein Bild von der Außenwelt und vom eigenen „Ich“. Diese Bilder decken sich nur teilweise mit der Außenwelt. Da wir als Spezies Mensch aber gut damit zurechtkommen, das heißt, wir nicht nur überleben, sondern uns auch stark vermehren, haben diese Bilder bislang ihren Zweck erfüllt.

Die Moderne Hirnforschung stützt die Ansicht Humes. Unsere Vorstellung vom „Ich“ ist nichts anderes als eine Folge von unzähligen Einzeleindrücken. Dabei ist unser Bewusstsein und damit das „Ich“ nicht sehr alt. Es hat sich, wie so vieles, was den Menschen ausmacht, im Laufe der Evolution über Jahrmillionen entwickelt. Aber erst die kognitive Revolution vor ca. 70 000 Jahren legte die Basis für das Bewusstsein des Menschen, wie wir es heute kennen. Das Bewusstsein von Tieren und den frühen Menschenformen ist mit dem Bewusstsein des modernen Menschen nicht zu vergleichen. Unser heutiges Ich-Gefühl und Selbstbild wurzelt in der Abgrenzung der eigenen Person, von anderen Personen und der Außenwelt. Das Ich-Gefühl ist getragen von der Erfahrung, dass ich einen eigenen Körper habe und die Welt aus meiner eigenen Perspektive heraus sehe. „Ich“ bin der Urheber meines Handelns, grenze mich durch meinen persönlichen Werdegang, sowie meiner eigenen Wünsche, Träume und Hoffnungen von anderen Menschen ab. Laut moderner Hirnforschung entsteht das Bewusstsein nicht in einem einzelnen Hirnbereich, sondern durch das dynamische Zusammenwirken mehrerer Hirnregionen, und wird von Netzwerken aus elektrisch erregten Nervenzellen permanent erzeugt. Damit sind sich die meisten Wissenschaftler auch einig, dass das „Ich“ keine konstante Größe ist, sondern sich aus verschiedenen Faktoren zusammensetzt und damit einer permanenten Entwicklung unterworfen ist.

Unser „Ich“ verändert sich also ständig. Dabei erleben die meisten Menschen das „Ich“ als die Steuerzentrale der eigenen Person. Das „Ich“ denkt, handelt, entscheidet und es ist das „Ich“, dem etwas widerfährt. Dieses „Ich“ ist aber nur der bewusste Teil meiner Persönlichkeit. Die Masse der Informationen, die unaufhörlich von den Sinnesorganen zum Gehirn strömen, werden vom Unterbewusstsein verarbeitet (nehmen wir nicht wahr). Komplexe Mechanismen filtern aus und fügen hinzu. Das Unterbewusstsein prägt das Bild von der Welt, das in unseren Köpfen entsteht und somit unsere Wirklichkeit. Wie wir bereits wissen, ist der Mensch kein reines Geistwesen, er ist auch Körper, und der Verstand ist nicht Herr im menschlichen Haus. Die Vernunft, und damit unser „Ich“, ist die Sklavin unserer Gefühle und Emotionen. Der Mensch kann nicht einen einzigen Gedanken fassen, der nicht auch körperliche Aspekte hat. Immer werden irgendwelche Botenstoffe oder Hormone ausgeschüttet, die komplexe Reaktionen im Gehirn auslösen. Diese Reaktionen machen uns dann glücklich bzw. unglücklich, treiben uns an, oder lähmen uns.

Es sind die unbewussten Vorgänge in unserem Körper, es ist unser Unterbewusstsein, es sind unsere körperlichen Triebe und Begehren, die uns lenken und treiben. Schon Nietzsche hat erkannt, dass unsere körperlichen Begierden, Emotionen und Triebe uns lenken, und dass sie sich nicht einfach in Luft auflösen, wenn sie der zivilisierte Mensch nicht ausleben darf. Sie gehen in den Untergrund und beginnen auf destruktive Art und Weise an der Seele des Menschen zu nagen und sie krank zu machen.

Wir wissen jetzt, dass unsere Persönlichkeit von dem mit der Außenwelt wechselwirkenden, bewusst wahrnehmenden, fühlenden, denkenden und handelten „Ich“ und dem Unterbewusstsein gebildet wird. Dann haben wir auch noch Gefühle und Emotionen, die auf das „Ich“ im positiven, wie im negativen Sinn, einwirken. Sie können uns zu Höchstleistungen motivieren oder uns in Panik versetzen und lähmen. Das ist aber noch nicht alles. Da ist noch etwas anderes, etwas, dass auf das „Ich“ einwirkt. Menschen wie Sokrates und Freud haben wir diese Entdeckung zu verdanken. Dieses etwas beobachtet das „Ich“ aus einer höheren Warte, beurteilt es und tritt mit ihm in einen Dialog ein. Ich spreche von Sokrates mit seinem Daimonion[3], und von Freud mit seinem „Über-Ich“[4]. Daimonion und „Über-Ich“ spalten die Persönlichkeit des Menschen auf, in „sich selbst“ und etwas „Anderes“. Damit kommen Vielfalt, Bewegung und innere Diskussion ins Bewusstsein des Menschen. Dieses „Andere“ beurteilt Sachverhalte aus einem anderen Blickwinkel, stellt sich auf die Seite anderer Menschen und versucht einen übersubjektiven Standpunkt einzunehmen. Das sich daraus entwickelnde Zwiegespräch mit sich selbst, kann man als Denken bezeichnen. Irgendwie hat es auch etwas mit unserem Gewissen zu tun. Unsere Persönlichkeit wird somit vom handelnden „Ich“, unserem Unterbewusstsein, unseren Gefühlen und Emotionen, und etwas das man Daimonion oder „Über-Ich“ nennen kann, bestimmt. Noch dazu ist der Mensch ein heteronomes[5] Wesen. Das heißt, die Persönlichkeit, des in die Welt geworfenen Menschen, wird beeinflusst von der ihn umgebenden Welt. Verändert er sein Umfeld, verändert sich seine Persönlichkeit.

Die Frage: „Wer ist das, der den Sinn des Lebens sucht“, ist somit nicht leicht zu beantworten. Der Fragesteller ist nicht klar und exakt definierbar, hat keine klaren Grenzen und unterliegt zudem einer ständigen Veränderung. Irgendwo findet sich der Fragesteller zwischen dem christlichen Verständnis von einer unsterblichen Seele, und der Illusion eines „Ichs“, das von einem im Schädel eingesperrten Gehirn erzeugt wird. Dabei hat die Definition des Fragestellers großen Einfluss auf die Beantwortung der Frage nach dem Sinn des Lebens. Ein gläubiger Christ, der auf ein Leben im Himmel hofft, wird einen anderen Sinn des Lebens finden, wie ein Atheist. Wenn Sie jetzt sagen: „Das ist ja alles Blödsinn, was der da schreibt. Es steht außer Frage, dass „Ich“ existiere. Natürlich bin ich. Was schreibt denn der da für einen Unsinn.“ Wenn sie dieser Meinung sind, dann möchte ich sie fragen, ob sie den 1999 erschienene Science-Fiction-Film „Matrix“ kennen. Heutige Wissenschaftler bestätigen, dass die Handlung des Films den Erkenntnissen der modernen Hirnforschung nicht widerspricht, es theoretisch so wie im Film sein könnte.

Inhalt des Films: In einer nicht so fernen Zukunft gelingt es, mit künstlicher Intelligenz ausgestatteten Maschinen, die Menschheit zu beherrschen. Die Maschinen beginnen Menschen zu züchten um die menschlichen Körper als Energiequelle zu nutzen. Dazu sperren sie die bewusstlosen Menschen in mit Flüssigkeit gefüllte Tanks, und ernähren sie intravenös. Die Maschinen entwickeln eine Computersimulation – die Matrix – um die Menschen ruhig zu stellen. Die Menschen halten die von der Matrix erzeugte, virtuelle Welt für die Realität. Die Menschen „leben“ in dieser Scheinwelt, die sich für sie real anfühlt. Auf nahezu perfekte Weise gelingt es der künstlichen Intelligenz, das im Schädel eingesperrte Gehirn zu manipulieren. In der computersimulierten Welt, die von den Menschen als reale Welt wahrgenommen wird, gehen die Menschen arbeiten, verbringen einen gemütlichen Feierabend und tun das, was man halt so tut. Einigen Menschen gelingt es aus den Tanks, und damit aus der Simulation, zu fliehen. Sie wollen den Rest der Menschheit befreien.[6] Im Film wird somit die Realität, in der wir leben, in Frage gestellt. Hirnforscher halten es durchaus für denkbar, dass unser Gehirn auf diese Weise manipuliert wird. Wie wir bereits wissen, erzeugt unser Gehirn aus den von den Sinnesorganen gelieferten Daten unsere Welt. Die künstliche Intelligenz muss nur diese Daten verändern und dann die manipulierten Daten ans Gehirn schicken. Mehr braucht sie nicht zu tun. Schon „leben“ wir in einer virtuellen Welt.

Ein Science-Fiction-Film, der durchaus Realität sein könnte, beziehungsweise Realität werden könnte. Aber wenn wir die Sache nüchtern betrachten, dann haben wir uns bereits auf den Weg in die Matrix gemacht. Bereits heute sitzen Millionen Menschen stundenlang mit Datenbrillen, die virtuelle Welten erzeugen, vor ihren Computern. Die Zeit, die wir in den virtuellen Welten unserer Computer und Handys verbringen, wächst im Rekordtempo. Gleichzeitig nehmen unsere sozialen Kontakte rapide ab. Wir sind gerade im Begriff uns freiwillig in die Matrix zu begeben. Besonders Menschen, die mit dem realen Leben nicht klar kommen, ziehen sich zusehends in die virtuellen Welten zurück, freiwillig, oft tage- und nächtelang. Diese künstlichen Welten werden nicht von intelligenten Maschinen erzeugt, aber von nach Macht und Profit strebenden Konzernen. Diese Konzerne zapfen uns auch nicht, wie die Maschinen, unsere Lebensenergie ab. Trotzdem sollte uns diese Entwicklung Sorge bereiten. Vor allem, wenn man den Blick in die Zukunft richtet. Was halten Sie von folgender Vision unserer Zukunft?

Nach einem harten Arbeitstag kommt Kurt B. am Abend nach Hause. Endlich ausspannen. Er macht es sich bequem, setzt seinen Datenhelm auf und taucht ein in die Matrix. Die nächsten Stunden ist er in einer anderen Welt. In dieser Welt kann er, als Supermann die Welt retten, oder als Bösewicht diese zerstören. Die tollsten Frauen liegen ihm zu Füssen und wenn er bei einem seiner Abenteuer getötet wird, steht er einfach wieder auf und lebt weiter. Dabei freut sich Kurt B. schon auf seinen zweiwöchigen Urlaub. Es gibt da so ein neues Institut. Da braucht man keine altmodischen Datenhelme mehr. Dort werden die von der künstlichen Intelligenz erzeugten Daten direkt ins Gehirn geschickt, und der Körper wird über einen Venenkatheter mit Nährstoffen versorgt. Auch Glückshormone werden so verabreicht, natürlich optimiert durch die künstliche Intelligenz. Zwei Wochen ist man Magier in einer magischen Welt, in der alles möglich ist. Freuden ohne Ende. Früher musste man für so etwas dem Teufel seine Seele verkaufen, jetzt geht man einfach in dieses Institut und lässt sein Gehirn von der künstlichen Intelligenz manipulieren. Können Sie sich vorstellen, wie Kurt B. mit hunderten anderen Kunden in einem großen Saal liegt, angeschlossen an riesige Rechner, von Maschinen intravenös mit Nahrung versorgt?

Kurt B. und all die anderen sind in der Matrix, und sie sind es freiwillig. Wann wird aus dieser Vision Realität? Wie auch immer. Irgendwann muss jeder sterben. Auch Kurt B. Da hilft ihm auch die künstliche Intelligenz nichts. Der Tod beendet alles, macht alle gleich. Ist das wirklich so? Was bedeutet der Tod, wenn wir davon ausgehen, dass unser im Schädel eingesperrtes Gehirn unsere Welt und unser „Ich“ erzeugt? Was ist, wenn der Vorhang fällt? Wenn das Theaterstück zu Ende ist. Wenn das Orchester aufhört zu spielen. Da gibt es im wesentlichen zwei Meinungen, die gegensätzlicher nicht sein könnten. Für die erste Meinung steht David Hume, für die zweite Buddha. Wobei mir persönlich Buddhas Verständnis vom Tod besser gefällt. Aber sehen wir uns zuerst an, was David Hume darüber zu sagen hat. Das ist schnell getan. Für Hume endet mit dem Tod alles. Stirbt das Gehirn, wird auch das von ihm erzeugt „Ich“ ausgelöscht. Das Orchester hört zum Spielen auf. Die Musik (das „Ich“) erlischt, klingt bestenfalls in der Geschichte oder in geliebten Menschen nach. Übrig bleibt nur das Materielle. Beim Orchester die Instrumente, beim Menschen die Atome und Moleküle, aus denen er besteht. Das Orchester wird irgendwann wieder ein neues Stück spielen, aber es wird niemals sein, wie das letzte. Vielleicht hört es sich so an, aber wenn man genau hinhört, erkennt man doch den Unterschied. Auch die Atome und Moleküle des verstorbenen Menschen werden sich mit anderen Atomen und Molekülen mischen, und sich vielleicht irgendwann zu einem neuen Körper zusammenfinden. Auch hier kann es geschehen, dass es zu Ähnlichkeiten kommt. Sieht man aber auch hier genau hin, erkennt man die Einzigartigkeit jedes einzelnen Menschen.

Hume schreibt dazu: „Und wenn meine Perzeptionen mit dem Tode aufhörten, und ich nach der Auflösung meines Körpers weder denken, noch fühlen, noch sehen, weder lieben noch hassen könnte, so würde ich vollkommen vernichtet sein; ich kann nicht einsehen, was weiter erforderlich sein sollte, um mich zu etwas vollkommen „Nichtseiendem“ zu machen.“[7] Für David Hume erlischt somit das „Ich“ mit dem Tod. Buddha und mit ihm Cusanus, Schopenhauer und Heraklit sehen das anders. Der ewige Fluss der Elemente relativiert für sie den individuellen Tod dem alles Lebendige entgegenstrebt. Das hat etwas mit der paradoxen Logik zu tun. Erinnern Sie sich an Leibnitz?

Der Mensch leidet nur, weil er nicht versteht. Stirbt zum Beispiel ein geliebter Mensch, ist der Schmerz groß. Laut Leibnitz (und Buddha) leiden wir aber nur deshalb, weil wir unwissend sind. Wir nehmen den Tod als isoliertes Ereignis war. Der analytische, alles zergliedernde Verstand des Menschen löst den Tod, genauso wie die Geburt, aus dem Fluss des Lebens willkürlich heraus. Wir freuen uns über die Geburt und betrauern den Tod. Dabei sind Geburt und Tod unabdingbare Bestandteile des Lebens. Die beiden scheinbaren Gegensätze Geburt und Tod liegen im Streit miteinander. Der Tod möchte über das Lebendige triumphieren und das Lebendige wehrt sich dagegen, indem es neues Leben hervorbringt. „Jeden Augenblick stirbt ein Teil von uns, während das Ganze lebt, jede Sekunde stirbt jemand von uns, während das Leben lebt. Der Tod ist ebenso gut ein Beginn wie ein Ende, die Geburt ebenso gut ein Ende wie ein Beginn.“ [8] Die permanenten Spannungen (Streit, Krieg) der beiden Pole Geburt und Tod, ergeben erst das Ganze – das Leben.

Glaubt man an die paradoxe Logik, verläuft das Leben nicht linear. Es beginnt nicht mit der Geburt und endet nicht mit dem Tod. Das Leben vollzieht sich in Zyklen. Der permanente Wandel, dieses ständige Vergehen und Entstehen, ergibt dieses zyklische Weltbild. Der stetige Wechsel der Gegensätze Geburt – Tod – Geburt – Tod – Geburt… wiederholt sich unaufhörlich und ergibt das Leben. Glaubt man Heraklit, dann sind die Gegensätze der Welt immer nur Teil eines Ganzen. Weitere von Heraklit genannte Gegensätze sind: Glück – Leid, Alt – Jung, Wachen – Schlafen, Gut – Böse, Sterblich – Unsterblich, Ordnung – Chaos. Die Gesetzmäßigkeit dem der ständige Wandel zugrunde liegt, nennt Heraklit Logos.

Heraklit sieht die Gegensätze der Welt immer nur als Teil eines Ganzen. Dieses Ganze ist für den Menschen oft nicht erkennbar, da er die Gegensätze isoliert betrachtet. Zum Beispiel werden Tag und Nacht vom Menschen einzeln wahrgenommen. „Es ist jetzt Tag“ oder „Es ist jetzt Nacht“. Hier ist es leicht zu erkennen, dass die beiden Gegensätze Tag und Nacht, den „vollen Tag“ (24 Stunden) ergeben. Tag und Nacht schlagen ineinander um. Aus dem Tag wird die Nacht auf die wiederum der Tag folgt. Ein stetiger Wandel zwischen den beiden Gegensätzen ergibt das Ganze. Cusanus zieht daraus den Schluss, dass der Mensch die Welt und das Göttliche niemals vollständig verstandesmäßig durchdringen kann, weil sich diese in den Gegensätzen der Welt offenbaren. Diese Gegensätze bleiben dem endlichen Wesen Mensch ein ewiges Rätsel. Erst in der höheren Dimension des Unendlichen, klären sich die Gegensätze. Das Unendliche jedoch steht so weit über dem Menschen, dass dieser nichts Verbindliches darüber sagen kann. Alle menschlichen Begriffe gleiten daran ab. Nur durch negative Aussagen kann sich der endliche Mensch dem Unendlichen annähern: „Gott ist nicht böse. Gott ist nicht menschlich“. Das Endliche begreift niemals das Unendliche. Deshalb muss der Mensch die Widersprüche als fixen Bestandteil der Welt akzeptieren. Aber der Mensch muss nicht nur die Widersprüche der Welt akzeptieren, er muss auch das durch sie verursachte Leid akzeptieren.

Viktor Frankl sagt: „Das Glück liegt nicht in den Dingen, es liegt in uns.“ Wie wir Stellung nehmen zu einem Unglück macht einen Unterschied. Laut Frankl sollte Leid als normaler Bestandteil der menschlichen Existenz angesehen werden. Die beiden Gegensätze Glück und Leid ergeben erst das Leben, und man darf nicht nein sagen zum Leben. Das Leben muss in seiner Ganzheit angenommen werden. Der Weg dazu führt über die Frage: „Wie nehme ich Stellung zum Leid?“ Kennen sie den Spruch? „Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, dass eine vom anderen zu unterscheiden.“ Darin liegt viel Wahrheit. Wenn ich unabänderliches Leid als Teil des Lebens akzeptiere, mich mit ihm versöhne, wachse ich als Mensch.

Buddha sieht das sehr ähnlich. Buddhas Lehre lässt sich mit „Den vier edlen Wahrheiten“ auf den Punkt bringen. Die erste Wahrheit besagt, dass Leben Leiden bedeutet. Wobei man achtgeben muss. Buddha unterscheidet zwischen Schmerz und Leid. Schmerz gehört zum Leben. Niemand wird von ihm verschont. Allen Menschen widerfahren Unglück, Krankheit und Tod. Dem einen mehr, dem anderen weniger. Das können wir niemals verhindern, egal wie vorsichtig, achtsam oder gesund wir leben. Laut Buddha verursacht aber erst unsere Reaktion auf den Schmerz das Leid.

Damit sind wir bei der zweiten Wahrheit, die die Ursache des Leidens erklärt. Wir leiden nicht deshalb, weil uns ein Unglück trifft, sondern weil wir falsch damit umgehen. (Wie bei Viktor Frankl) Schmerz, Krankheit, Unglück und Tod sind fixe Bestandteile des Lebens und entsprechen den natürlichen Gesetzmäßigkeiten unseres Daseins. Das Leiden wurzelt in unserer Haltung und in unserer Einstellung zum Schmerz. Wir leiden, weil wir begehren. Wir begehren das Ende des Schmerzes und gleichzeitig das Verweilen eines Glücksgefühls. Damit kommen wir zur dritten Wahrheit. Wie beenden wir das Leid? Ganz einfach. Wir müssen unsere Sicht auf das Leben verändern.

Wir müssen aufhören, alles persönlich zu nehmen. Wir müssen uns auf einen objektiven, überindividuellen Standpunkt begeben, und die uns umgebende Welt, sowie unser „Ich“, als das sehen, was es ist. Eine Konstruktion unseres Gehirns. Und somit sind wir wieder beim im Schädel eingesperrten Gehirn, das unsere Welt und unser „Ich“ erzeugt. Nirvana bedeutet wörtlich übersetzt „Erlöschen“. Damit ist das Erlöschen der Sinne, das Erlöschen der Wahrnehmung, das Erlöschen des Denkens und vor allem das Erlöschen des „Ich-Bewusstseins“ gemeint. Dieses „Ich-Bewusstsein“, auf das wir alle Ereignisse beziehen, das „mein“ und „dein“ definiert, geht völlig in der Welt auf. Die individuelle Selbstwahrnehmung endet. Wenn es kein „Ich“ mehr gibt, auf das sich die Unwägbarkeiten des Lebens beziehen können, erlöschen Leid, Furcht und Begehren. Die Ereignisse des Lebens verlieren ihre Bedeutung, da sie nicht mehr einer individuellen Bewertung unterzogen werden. Wenn das Bewusstsein nicht mehr in „Ich“ und „Nicht-Ich“ getrennt wird, wenn das Bewusstsein erkennt, dass alles Existierende nur ein kleiner Teil des Universums ist, dann sind wir „wissend“.  Gelingt das, geht das „Ich“ in der Welt auf. Das „Ich“ wird nur mehr als Teil der Welt gesehen. Das menschliche Ich-Bewusstsein wird Teil der Natur, wird zu einem Teil der Schöpfung, das sich seiner selbst bewusst wird. Aber nur für eine kurze Zeit.

Für den Zeitraum, in dem das Gehirn eines Menschen sein „Ich“ erzeugt, wird sich ein kleiner Teil der Natur (der Schöpfung) seiner selbst bewusst. Ein kleiner Teil nur und nur für kurze Zeit. Bis das Theaterstück des menschlichen Lebens gespielt ist – solange das Orchester des Lebens spielt. Stirbt der Mensch, hört dieser kleine Teil der Schöpfung auf, sich seiner selbst bewusst zu sein. Werden wieder Menschen geboren, werden andere Teile der Schöpfung sich ihrer selbst bewusst – ein ewiges Vergehen und Entstehen von Bewusstseinsteilen des großen Ganzen – der Schöpfung. „Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will.“ Viktor Frankl hat ein praktischen Weg aufgezeigt, unser Leiden an der Welt zu verringern. Frankl war nicht nur Arzt. Er hat als Jude drei Jahre in verschiedenen Konzentrationslagern überlebt. Dabei wendete er einen Trick an. Er ging auf Distanz zu dem qualvollen Leben im KZ. Im Geiste stellte er sich neben sich selbst, und begann sich selbst zu beobachten. Er wechselte von der individuellen, persönlichen Sichtweise auf eine objektive. Er nahm die Perspektive eines Beobachters ein. Er objektivierte damit sein persönliches Elend. Frankl wurde zum Zuseher, der sich sein Theaterstück des Lebens ansieht. Er projiziert damit sein Leid in einen imaginären Schauspieler hinein. Dieses sich selbst beobachten, um alles um sich herum zu relativieren, ist ein brauchbarer und praxisnaher Trick, um dem Leben die Schärfe zu nehmen. Buddha macht das nicht so. In seiner vierten Wahrheit zeigt er uns, wie wir auf dem edlen achtfachen Pfad vom Leiden erlöst werden. Für mich ist dieser edle achtfache Pfad nichts. Ich halte mich lieber an Viktor Frankl.

Schopenhauer gelingt es, Buddhas Lehre für uns Europäer leicht verständlich zu formulieren. Erinnern Sie sich? Schopenhauers Vorgehen dem Leiden zu entfliehen, deckt sich weitgehend mit der buddhistischen Lehre. Wie für Buddha ist für Schopenhauer die Lossagung von allen irdischen Wünschen notwendig, um die vollkommene Wunschlosigkeit des „Nirwana“ zu erreichen. Man erwacht aus dem „Traum des Lebens“ und erkennt, dass es sich bei unserem irdischen Dasein und ihren Begierden, nur um eine Illusion handelt. Die individuelle Existenz erlischt, und man geht in die All-Einheit ein. Damit ist der scheinbar ewige Kreislauf von Tod und Wiedergeburt durchbrochen. Der Mensch beendet somit das Leiden, indem der Unterschied zwischen ihm (dem Individuum) und der ihn umgebenden Welt (dem Ganzen) aufgehoben wird und er damit in der All-Einheit (Nirwana) aufgeht…. Moral wurzelt also in der inneren Natur des Menschen, die intuitiv erkennt, dass ich Mensch bin unter Mitmenschen und Geschöpf unter Mitgeschöpfen.

Schopenhauer ist bekannt, dass er oft stundenlang gedankenverloren Pflanzen und Tiere beobachtet. So soll er einmal, als er seinem geliebten Pudel in die Augen gesehen hat, die hinduistische Sanskrit Formel „Tat Tvam Asi“ gebraucht haben, was übersetzt werden kann als „Das bist du“ oder „Dieses Lebendige bist du“. Für einen Augenblick ist für Schopenhauer die Grenze zwischen ihm und der ihn umgebenden Welt aufgehoben. Dieser kurze Moment der All-Einheit hebt die Grenze zwischen dem Individuum und den Mitgeschöpfen, ja der ganzen Welt auf. Schopenhauer erkennt sein innerstes Selbst in allen seinen Mitgeschöpfen. Das ist buddhistische Lehre. Die individuelle Existenz erlischt, man geht in der All-Einheit auf und ist von der Wiedergeburt befreit. In dieser unpersönlichen Existenz der All-Einheit verlöschen menschliche Begierden und man ist befreit von Angst, Hass, Leid und den Schranken des Denkens. Das „Ich“ wird zur Illusion, die wirkliche Wirklichkeit ist die Alleinheit. Ich bin du – du bist ich – wir sind das Ganze.

Anders gesagt: Alles, was ist, ist nur Eines, als Teil des Ganzen und der Mensch ist in dieses Eine wirkend eingebunden. Mit anderen Worten: „Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will.“ Schön hat das Albert Schweizer gesagt.

Damit ist der Sinn des Lebens, irgendwie das Leben selbst. Buddha sieht den Sinn des Lebens in der Überwindung der Individualität, also dem Irrglauben als einzelner Mensch der Welt gegenüberzustehen. Erkennt der Mensch die Illusion des Ich-Bewusstseins, und dass er Teil des großen Ganzen ist, geht er in der Alleinheit der Welt (Nirvana) auf. Der Mensch kehrt heim, wie Platons Seele vereinigt er sich mit dem Göttlichen, dem Unendlichen, der Natur. Wenn das für Platon gilt, dann auch für das Christentum. Sie erinnern sich, das Christentum wurzelt in Platons Ideenlehre. Christ sein bedeutet für mich, das Getrennt sein von Gott (der Schöpfung, dem Unendlichen, der Natur) zu überwinden, wieder eins zu werden mit Gott – durch die Liebe. Irgendwie geht es immer darum, dass der Mensch sich vom Göttlichen (der Schöpfung, dem Unendlichen, der Natur) entfernt hat und wieder zurück nach dieser Einheit strebt.

Das Dilemma begann vor 70 000 Jahren – mit der kognitiven Revolution. Sie erinnern sich? Der mit Bewusstsein ausgestattete Mensch tritt als Subjekt (Ich-Sein) aus der Natur heraus und steht ihr gegenüber, sieht diese zunehmend als Objekt (nicht Ich). Die Einheit mit der Natur, in der sich Tiere befinden, geht verloren… Der sich nun seiner Selbst bewusste Mensch erkennt, dass er sterblich ist und der ihn umgebenden Welt oftmals hilflos ausgeliefert ist. Das erzeugt Ängste in ihm, die zu Unwohlsein und inneren Spannungen führen… Dazu noch einige Gedanken von Erich Fromm. „Das Wesentliche an der Existenz des Menschen ist ja, dass er sich über das Tierreich und seine instinktive Anpassung erhoben hat, wenn er sie auch nie ganz verlässt. Er ist ein Teil von ihr und kann doch nicht in sie zurückkehren, nachdem er sich einmal von ihr losgerissen hat. Nachdem er einmal aus dem Paradies – dem Zustand des ursprünglichen Einsseins mit der Natur – vertrieben ist, verwehren ihm die Cherubim[10] mit flammenden Schwertern den Weg, wenn er je versuchen sollte, dorthin zurückzukehren. Der Mensch kann nur vorwärtsschreiten, indem er seine Vernunft entwickelt, indem er eine neue, menschliche Harmonie findet anstelle der vormenschlichen Harmonie, die unwiederbringlich verloren ist.“ [11]

Der denkende Mensch erkennt, dass er seiner Umwelt (z. B. den Naturgewalten, Schicksalsschlägen) hilflos ausgeliefert ist. Zusätzlich wird er sich (im Gegensatz zu den Tieren) seiner Sterblichkeit bewusst. In diesen Erfahrungen – des Bewusstseins seines sicheren Todes und dem Gefühl des Ausgeliefertsein – ist für Erich Fromm, die Quelle aller Ängste.[12] Der Mensch wird gezwungen, Entscheidungen zu treffen, die sein Leben beeinflussen. Im Gegensatz zum Tier sagt dem Menschen nämlich jetzt kein Instinkt mehr, was zu tun ist. Mit dem Zwang, selbst Entscheidungen zu treffen, verliert der Mensch auch seine Unschuld. Er wird mündig, wird in die Freiheit entlassen, kann über sein Leben selbst bestimmen. Wie ein Kind, das mit dem Erwachsenwerden, die Geborgenheit und den Schutz des Elternhauses verliert, ist der Mensch aber jetzt für sein Handeln verantwortlich und muss die Konsequenzen seines Tuns tragen.

Freiheit bedeutet nämlich auch Verantwortung. So sucht der mündig gewordene Mensch nach Orientierung, sucht nach Normen und Werten und teilt ein in „Richtig“ und „Falsch“.Er erkennt damit „Gut“ und „Böse“. Genesis 3,4: „Darauf sagte die Schlange zur Frau: Nein, ihr werdet nicht sterben. Gott weiß vielmehr: Sobald ihr davon esst, gehen euch die Augen auf; ihr werdet wie Gott und erkennt Gut und Böse.“ Die Kognitive Revolution kann durchaus mit der Vertreibung aus dem Paradies gleichgesetzt werden, ist sozusagen die Ursünde der Menschheit.

Mit der kognitiven Revolution verliert der Mensch seine Unschuld. Der mündig gewordene Mensch löst sich aus der Geborgenheit der Schöpfung, wird sich seiner Sterblichkeit bewusst, sorgt sich um seine Zukunft, ist gezwungen Entscheidungen zu treffen und erkennt Gut und Böse. Mit der kognitiven Revolution beginnt der Mensch aus der Natur herauszutreten. Dieses losgelöst sein des Menschen von seinem Urgrund, von seinen Wurzeln, ist spätestens mit der Entwicklung der modernen Industriegesellschaft abgeschlossen. Der moderne Mensch ist auf der Suche nach etwas, dass durch die kognitive Revolution verlorengegangen ist. Wir alle suchen die verlorengegangene Geborgenheit unserer Gemeinschaft mit der Natur (Gott, Schöpfung). Den Sinn des Lebens finden bedeutet, die Trennung zu seinen eigenen Wurzeln überwinden. Dabei gibt es mehrere Wege. Laut Erich Fromm kann man das abgetrennt sein von der Natur und die dadurch entstandenen Ängste überwinden, und zwar durch die Vereinigung mit einem andern Menschen – in der Liebe.

Für Viktor Frankl gibt es drei Hauptstraßen, auf denen sich Sinn finden lässt: „Zunächst einmal kann mein Leben dadurch sinnvoll werden, dass ich eine Tat setze, dass ich ein Werk schaffe; aber auch dadurch, dass ich etwas erlebe[13] – etwas oder jemanden erlebe, und jemanden in seiner ganzen Einmaligkeit und Einzigartigkeit erleben heißt, ihn lieben. Es geschieht also entweder im Dienst an einer Sache oder aber in der Liebe zu einer Person, dass wir Sinn erfüllen – und damit auch uns selbst verwirklichen.“[14] Fromm und Frankl sind sich einig, dass sich der Mensch nur verwirklichen kann, indem er seinem Leben einen Sinn gibt, der nicht auf sich selbst gerichtet ist, sondern draußen in der Welt (in der Gemeinschaft mit den Mitmenschen und der Schöpfung) liegt.


[1] Schachspieler brauchen ein gutes Gedächtnis, um sich möglichst viele Stellungen zu merken. Somit sind die besten Lösungen für diese Stellungen bereits abgespeichert.

[2] Kant hat das später, wie so vieles, von Hume übernommen.

[3] Laut Sokrates wird der Mensch von einer inneren Stimme (Daimonion) gelenkt. Sokrates glaubt an den göttlichen Ursprung dieser Stimme und dass diese Stimme den Menschen davor bewahrt unredlich zu handeln. Ein bisschen so wie das „christliche Gewissen“.

[4] Laut Freud besteht die menschliche Persönlichkeit aus drei Instanzen. Dem unbewussten „Es“, dem bewussten „Ich“ und dem teilweise bewussten „Über-Ich“. Im „Es“ sind unbewusste Triebe wie Überleben, Sexualität und Nahrungsaufnahme verankert. Das „Über-Ich“ ist geprägt von gesellschaftlichen Normen und Regeln, also stark kulturell beeinflusst. Es entspricht dem Gewissen, verkörpert Gesetze, Gebote und Verbote. Das „Ich“ wechselwirkt mit der Außenwelt. Dabei kann es vom „Es“ mit viel Energie und Tatkraft unterstützt werden. Das „Ich“ nimmt wahr, fühlt, denkt und handelt. Dabei wird es permanent hin und her gerissen zwischen dem triebhaften „Es“ (Befriedigung der Triebe) und dem „Über-Ich“ (Einhaltung von Normen und Regeln). Zusätzlich muss es auch noch den Normen und Konventionen der jeweiligen Außenwelt (der Gesellschaft, in der wir leben), gerecht werden. Keine leichte Aufgabe. Gelingt dies nicht, deckt sich zum Beispiel das Handeln des „Ich“ nicht mit den Vorgaben des „Über-Ich“, kommt es zu inneren Spannungen. Wenn etwas nicht so ist, wie es sein soll, entsteht eine kognitive Dissonanz. 

[5] Heteronomie ist das Gegenteil von Autonomie und bedeutet so viel wie Fremdgesetzlichkeit bzw. Fremdbestimmtheit. Es bedeutet umgangssprachlich: Unselbstständigkeit, Abhängigkeit von fremden Gesetzen.

[6] Ist ein bisschen so wie Platon Höhlengleichnis.

[7] Aus „David Hume – Der Philosoph und sein Zeitalter“ von Gerhard Streminger, Verlag C. H. Beck oHG, München 2011, Seite 156.

[8] Aus: Das Wesen der Wirklichkeit in der Einheit der Gegensätze von Dr. phil. Bernhard A. Grimm. https://www.apr-ammersee.de/wp-content/uploads/2016/10/Panta-Rhei.pdf am 29.11.2023.

[9] Friedrich von Hardenberg (Novalis) von 1772 – 1801, Novalis misstraut den „Tiefgelehrten“ (dem rationalen Denken) und strebt die Einheit, von Natur bzw. Schöpfung, auf der Gefühlsebene an. Gleichzeitig betont er die Einbettung des Menschen in diese Einheit. 

[10] Engelhafte Wesen, die nach der Vertreibung Adams und Evas, von Gott ins Paradies gesetzt werden, um es zu bewachen (Genesis 3,24).

[11] Erich Fromm: „Die Kunst des Liebens“, ungekürzte Ausgabe, April 1995, Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH & Co. KG, München, Kapitel 2a Liebe als Antwort auf die menschliche Existenz.

[12] Diese Angst dürfte auch zur Entstehung der Religionen beigetragen haben.

[13] Der Sinn des Lebens kann sich, meiner Meinung nach, dem Menschen auch in einem Naturerlebnis oder in Wechselwirkung mit einem Kunstwerk, aber auch in der Musik, offenbaren.

[14] Viktor E. Frankl, Ungekürzte Taschenbuchausgabe, „Der Mensch vor der Frage nach dem Sinn“, 1979 Piper Verlag GmbH München, Kapitel: Das Leiden am sinnlosen Leben, Seite 47.